Wisgasshaalde Hemmental © Peter Braig

Drohender Verlust von wertvollen Trockenwiesen in Hemmental

29.03.2020

Hemmental ist gekennzeichnet durch hohe Natur- und Landschaftswerte, welche auch wesentlich zur hohen Lebensqualität im Dorf beitragen. Diese sind nun aber in Gefahr. Pro Natura setzt sich zusammen mit anderen Verbänden gegen die Überbauung von ökologisch sehr wertvollen Trockenwiesen in Hemmental ein.

Grosse Verluste seit 1900

Der Schweizer Natur geht es schlecht. In den letzten 200 Jahren gingen unzählige wertvolle Naturlebensräume teilweise unwiederbringlich verloren. Neben dem Rückgang von Auen und Mooren ist der Verlust von Trockenwiesen und -weiden (TWW) besonders gravierend. Seit 1900 hat ihre Fläche schweizweit um 95 % abgenommen – und mit ihnen die auf den Lebensraum spezialisierte Fauna und Flora. Hauptgründe dafür waren und sind die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft, Verbuschung aufgrund von Nutzungsaufgabe und die Überbauung der vom Menschen bevorzugten Südhanglagen [1]. Die heute noch bestehenden Trockenwiesen beschränken sich meist auf kleine, isolierte Flächen, mehrheitlich in höheren Lagen. Grosse, zusammenhängende Trockenwiesengebiete, wie in Hemmental, gibt es v.a. im Mittelland kaum noch. In der Schweiz sind mehr als 900 Tier- und Pflanzenarten auf Trockenwiesen als Lebensraum angewiesen – nimmt die Fläche weiterhin ab, werden diese Arten über kurz oder lang bei uns aussterben [1]. 

Wiese ist nicht gleich Wiese

Fast 70 % der Schweizer Landwirtschaftsflächen sind Wiesen oder Weiden [2]. Heute ist ein grosser Teil davon – besonders im Mittelland – intensiv bewirtschaftet, wird regelmässig gedüngt und ist daher sehr nährstoffreich. Dadurch sind sie ökologisch wenig wertvoll: Wenige konkurrenzstarke Pflanzenarten, sogenannte «Fettzeiger», wie Löwenzahn dominieren. Durch das einseitige Blütenangebot kommen nur wenige Insektenarten vor. Dahingegen sind Trockenwiesen sehr artenreich – teilweise wachsen bis zu 70 verschiedene Pflanzenarten auf einem Quadratmeter. Auf intensiv genutzten Fettwiesen sind es gerade mal 10–20 Arten pro m2 [3].
Doch auch unter den Trockenwiesen gibt es erhebliche Unterschiede: Je nach Klima, Exposition und Boden wachsen teilweise komplett verschiedene Pflanzenarten [4]. Auch in Hemmental unterscheidet sich die Artenzusammensetzung der Wiesen an den Südhängen massgeblich von denjenigen auf den Randen-Hochflächen. Aufgrund der Süd-Exposition, Steilheit und der seit jeher extensiven Bewirtschaftung, sind die Wiesen an den Südhängen von Hemmental magerer und beherbergen daher mehr und andere Arten.

Hohe Naturwerte stehen auf dem Spiel

Unzählige blühende Orchideen, singende Heidelerchen und Baumpieper und mehr als 70 Schmetterlingsarten machen Hemmental weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt. Hier gibt es Arten, die anderswo in der Schweiz schon seit Jahrzehnten verschwunden sind. Auf diese Artenvielfalt können die Hemmentaler durchaus stolz sein – denn ohne die jahrhundertelange, regelmässige Bewirtschaftung würde es diese Magerwiese nicht geben. Die aktuelle Siedlungsrichtplanung und die geplanten Bauvorhaben drohen diese wertvollen Trockenwiesen in Hemmental nun jedoch für immer zu zerstören. 

Siedlungsrichtplanung

Der Entwurf des Siedlungsrichtplans von 2019 erwähnt zwar die artenreichen Wiesen in den unbebauten Bereichen des Siedlungsgebiets, geht bei der Planung aber nicht darauf ein. So ist vorgesehen, die wertvollen Südhänge in zwei Reihen zu überbauen. Dadurch würden die Trockenwiesen am Hang unwiederbringlich zerstört. Zudem würden die noch verbleibenden Magerwiesenflächen durch Isolation, Flächenverlust und Schattenwurf der Gebäude unweigerlich an Wert verlieren. 

Hemmental besitzt noch heute keinen Quadratmeter Naturschutzfläche

Hemmental verfügt zwar über aussergewöhnlich hohe Naturwerte, welche teilweise in einem Naturschutzinventar aufgeführt werden. Aber noch keine einzige dieser Flächen ist auch tatsächlich geschützt: Der heute rechtsgültige Zonenplan in Hemmental weist gar keine Naturschutzflächen auf. Dies bedeutet, dass heute noch immer kein einziger Quadratmeter der wertvollen Naturschutzobjekte in Hemmental auch grundeigentümerverbindlich geschützt ist. Der Zonenplan in Hemmental müsste daher dringendst aktualisiert und um die heute fehlenden Naturschutzflächen erweitert werden.

Klare gesetzliche Grundlage

Die Gesetzeslage ist eindeutig: Die Wiesen, die mehrheitlich den sogenannten «Mitteleuropäischen Halbtrockenrasen» zugerechnet werden, sind gemäss dem Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG) und den entsprechenden Bundesverordnungen (NHV) geschützt. 2004 wurden die Wiesen durch das BAFU als national bedeutende Trockenwiesen beurteilt. Vermutlich aus politischen Gründen endet heute das TWW-Objekt aber bei der Bauzone. Dies, obwohl der Lebensraum eigentlich bis zur Strasse reicht.
Bei der Richtplanung und Beurteilung von Bauobjekten müssten diese gesetzlich verankerten Natur- und Umwelt-Aspekte zwingend berücksichtigt werden. Dies war bisher aber nicht der Fall. Daher haben Pro Natura, BirdLife Schweiz, Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, WWF Schweiz und viele weitere Organisationen und Privatpersonen Stellungnahmen zum Siedlungsrichtplan eingereicht. Gegen zwei konkrete Baugesuche auf den besagten Südhängen reichten wir – gemeinsam mit anderen Organisationen – eine Einwendung ein. In einem Fall ging die Stadt Schaffhausen nicht auf unsere Forderungen ein, weshalb wir im Sommer 2019 gezwungen sahen, Rekurs einzulegen.

Ein massvolles Wachstum wäre auch ohne Zerstörung der hohen Naturwerte möglich

Wir von Pro Natura fordern einen rechtmässigen, sachgerechten Planungsprozess, der auf vollständigen Grundlagen basiert. Dazu gehören auch ökologische Fachgutachten von unabhängigen Experten. Eine fachgerechte, innovative Planung und eine korrekte Interessenabwägung, welche alle Aspekte – auch die Natur und Landschaft – berücksichtigt, sind notwendig, um Rechtssicherheit  –auch für die Eigentümer – zu schaffen. Wir sind überzeugt, dass es raumplanerische Lösungen gäbe, die dem Dorf Hemmental eine bauliche Entwicklung ermöglichen würden, ohne die hohen Natur- und Landschaftswerte zu zerstören! Dazu bieten wir auch gerne Hand.

 

[1] LACHAT, T.; PAULI, D.; GONSETH, Y.; KLAUS, G.; SCHEIDEGGER, C.; VITTOZ, P.; WALTER, T. (Red.) 2010: Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900. Ist die Talsohle erreicht? Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Stuttgart, Wien, Haupt. 435 S.
[2] Arealstatistik Bund  
[3] Biodiversitätsförderung in der Schweizer Landwirtschaft
[4] Pro Natura: Wiesen: ein einzigartiges Paradies

Bei Fragen oder Anregungen melden Sie sich auf der Geschäftsstelle von Pro Natura Schaffhausen



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